Willkommen

Das Szondi-Institut in Zürich wurde 1969 von Leopold Szondi gegründet und hat als Aufgabe, Psychologinnen und Psychologen in der psychoanalytischen Therapierichtung der «Schicksalsanalyse» auszubilden, das Wissen über die Schicksalsanalyse zu verbreiten und schicksalsanalytische Forschung zu betreiben.

 

Das psychologieforum.ch ist ein Informationsportal für Psychologie und Psychotherapie.

 

Charta für Psychotherapie

Charta-Konferenz vom 2. Juli 2022

Soll die Schweizer Charta für Psychotherapie, also die Vereinigung der psychotherapeutisch orientierten Fortbildungsinstitute, weiter existieren oder eine neue Form finden oder sich auflösen?

 

 

„Es geht um die Zukunft der Charta, wie sie früher war und eigentlich immer noch sein könnte. Wir wollen all die personellen Veränderungen, die es geben wird mit dem kollektiven Rücktritt der WiKo auf Ende Jahr und meinem Rücktritt zur nächsten MV, zum Anlass nehmen, die Charta und ihre Form, Aufgaben und Möglichkeiten zu diskutieren und ggf. Veränderungen in die Wege zu leiten. Die Grundsatzfrage wird sein, ob es die Charta in ihrer früheren Form natürlich mit einigen Anpassungen weitergeben soll oder ob es nur noch ein Verbund von Kollektivmitgliedern innerhalb der ASP sein soll, wie es die letzten Jahre de facto war.“  Veronica Defièbre, Präsidentin der Charta

 

Wir veröffentlichen dazu die Rede von Mario Schlegel zu Werden, Wesen, Funktion und Sinn der Charta.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Die heutige Charta-Konferenz ist vielleicht historisch, weil sie die letzte in der langen Kultur eines institutionalisierten Dialogs zwischen den ausseruniversitären Therapieschulen sein könnte. Ich denke dabei in erster Linie nicht nur an die Institution Charta, sondern stelle vor allem den Dialog in den Vordergrund. Dieser begann bereits 1927 mit der “International Medical Society for Psychotherapy” deren erster Präsident C.G. Jung war. Verbände aus Dänemark, Deutschland, Holland, Schweden und der Schweiz waren an der Gründung beteiligt. Weil nicht mehr nur Ärzte Psychotherapeutinnen waren, wechselte der Verband 1991 den Namen zur “International Federation for Psychotherapy” (IFP). Die Charta trat ihr 2008 bei. Sie alle haben eine Urkunde von der IFP erhalten, die sie vielleicht sogar in ihrer Praxis aufgehängt haben. Diesen Rückblick in die fast hundertjährige Vergangenheit mache ich, weil wir heute, am 2. Juli 2022 auf der Schwelle einer fraglichen Zukunft des institutionalisierten, direkten inhaltlichen Dialoges zwischen Therapieschulen stehen, und weil ich belegen will, dass dieser - trotz der der “Schulenstreite” - wie diese - auch zur DNA der Psychotherapie gehört. Es geht darum, hier und jetzt, uns bewusst zu sein, in was für einer Kultur die Charta eingebettet ist, und was diese bedeutet. Die späten 80er- und frühen 90er Jahre brachten eine Wende für die psychodynamischen Schulen. Für die Psychoanalyse bedeutete die Entwicklung der OPD den Eintritt in die anerkannte wissenschaftliche Welt, weil sie damit operationalisier- und quantifizierbare Kriterien eingeführt hat. Zudem bestand auch ein grosses Bedürfnis nach Austausch zwischen allen Schulen. Die Bestrebungen, die C.G. Jung formulierte, dass jene Punkte beschrieben werden sollen, ”denen alle Psychotherapeut*innen, die nach den Richtlinien psychotherapeutischer Analyse arbeiten zustimmen können”, wurden 50 Jahre später, vom Prozess der zur Charta geführt hat, wieder aufgenommen. Es ging nicht um standespolitische Interessen, sondern um eine gemeinsame Klärung dessen, was Psychotherapie ist und was sie leisten soll. Dieses Bedürfnis bestand in europäischen und auch osteuropäischen Ländern. Aus dem Prozess, der in der Schweiz begonnen hat, entstand 1990 in Strassburg die “Strassburger-Deklaration zur Psychotherapie”, die vom SPV (der heutigen ASP), und von anderen Ländern mitunterzeichnet wurde. Unterzeichnet wurde sie im Einklang mit den Zielen der Weltgesundheitsorganisation, dem im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft EG geltenden und im europäischen Wirtschaftsraum EWR intendierten Nichtdiskriminierungsgebot und dem Grundsatz der Freizügigkeit von Personen und Dienstleistungen:

1. Die Psychotherapie ist eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin, deren Ausübung einen selbständigen und freien Beruf darstellt.

2. Die Psychotherapeutische Ausbildung erfolgt auf hohem, qualifiziertem und wissenschaftlichem Niveau.

3. die Vielfalt der psychologischen Verfahren ist gewährleistet.

4. In einem psychotherapeutischen Verfahren wird die Ausbildung vollständig absolviert und umfasst Theorie, Selbsterfahrung und Praxis unter Supervision. Über andere therapeutische Verfahren werden ausreichende Kenntnisse erworben.

 5. Der Zugang zur Ausbildung erfolgt über verschiedene Vorbildungen, insbesondere Human- und Sozialwissenschaften.

Diese Deklaration führe in der Folge zur Gründung der Europäischen Assoziation für Psychotherapie EAP, die bei der EU akkreditiert ist sowie des World Council for Psychotherapy WCP. Zu beurteilen, was von diesen Zielen in der Schweiz erreicht wurde, überlasse ich ihnen. Eingehen möchte ich nur auf den Punkt 1, weil es hier um ein Hauptanliegen der Charta und der Strassburger Deklaration geht. Dieses ist im Verlaufe der vielen berufspolitischen Anforderung, die wir in den letzten 30 Jahren meistern mussten, bei den Meisten in Vergessenheit geraten. Es geht um die Psychotherapie als eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin, deren Ausübung einen selbständigen und freien Beruf darstellt. In der Schweiz jedenfalls, wird durch das Anordnungsmodell das Nichtdiskriminierungsgebot verletzt. Die Eigenständigkeit der Psychotherapie als Wissenschaft mag vielen Praktiker*innen als rein akademisches Thema erscheinen. Für die Praxis ist sie aber von entscheidender Bedeutung, denn sie bildet die wissenschaftstheoretische Grundlage für die therapeutische Beziehung, die auf den Verschränkungen von Übertragungen und Gegenübertragungen beruht. Objekt und Subjekt stehen nicht in einem getrennten Verhältnis, so dass die Objektivierung eine spezielle Methodik erfordert, die es in anderen Wissenschaften nicht gibt und die selbst auch eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist. Das ist aber nicht das Einzige. Auch Sinnfragen sind für die Therapie von grosser gesundheitlicher Bedeutung. Sinn ist nicht objektivierbar, sondern individuell bestimmt. Sinnstiftende Ko-Konstruktionen in der Therapie sind somit auch mit der therapeutischen Beziehung verbunden. Kunst und Kultur sind auch mit Sinn verbunden. Kurz - die ganze Bandbreite des Menschseins muss in der Psychotherapie zur Sprache und zum Ausdruck kommen können. In diesem Sinn kann Psychotherapie nicht nur eine Anwendung von Psychologie sein. Eine adäquate eigene Wissenschaftstheorie, bei der Objekt und Subjekt nicht auf die gleiche Art und Weise getrennt sind wie in anderen Wissenschaften ist unabdingbar. Fragen oder Behauptungen, wie dass Psychotherapie eher eine Kunst sei als eine Wissenschaft, beruhen auf gängigen, unreflektierten wissenschaftstheoretischen Annahmen. Sie werfen ein schiefes Licht auf die Psychotherapie als willkürliches Verfahren und dienen weder ihrem Ansehen noch dem Berufsstolz der Therapeut*innen. Wenn schon müsste es heissen Psychotherapie ist eine Wissenschaft und der therapeutische Prozess ist auch eine Kunst. In diesem spannenden Gebiet orte ich einen Nachholbedarf bei der Charta. Ich sehe da gar funkelnde Diamanten glitzern. Wir haben uns als Gemeinschaft mit diesen Fragen noch zu wenig auseinandergesetzt, einige Aufsätze in unserer Zeitschrift, der Psychotherapie-Wissenschaft PTW, ausgenommen. In Österreich ist das anders. Die Sigmund Freud Privatuniversität in Wien hat sich, und widmet sich immer noch, intensiv diesem Thema. Wenn sie die PTW lesen, sind sie darüber informiert. Ob wir uns als Praktiker*innen für dieses wissenschaftsphilosophische Gebiet würden begeistern können weiss ich nicht. Einige Wenige schon. Das würde auch genügen. Alle anderen fänden spannende Themen im interschulischen Austausch, wie sie ihn heute Vormittag erleben konnten. Binnensichten zwischen Praktiker*innen auszutauschen ist tausendmal inspirierender, als vergleichende akademische Beurteilungen von aussen. Abschliessend gebe ich noch einen kurzen Abriss über die hauptsächlichen Tätigkeiten der Charta in den 30 Jahren ihres Bestehens.

● Unterzeichnung der Charta 1991 und 1993 offiziell gegründet. Anschliessend folgte der Prozess der gegenseitigen Anerkennung nach wissenschaftlichen und formalen Kriterien.

● Regelmässige wissenschaftliche Kolloquien

● Wissenschaftsdeklaration und Reglement für die Forschungen

● Stellungnahme zum Vorschlag über die Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit (WZW)-Anforderung an die Psychotherapie durch das Bundesamt für Gesundheit BAG

● Austausch mit dem BAG über Ausbildungsnormen im Gesetzgebungsprozess.

● Überprüfung der Einhaltung der Charta-Normen der Institute durch die Kommission für Qualitätssicherung KQS

● Ergänzungsstudium Psychotherapie

● PAP-S Studie (Rating-Manual zur objektiven Einschätzung therapeutischer Interventionen von Psychotherapeut*innen unterschiedlicher schultheoretischer Konzepte

● Regelmässige Fachtagungen

● Forschungsprojekte über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Schulen anhand von Videomaterial.

Alle Aktivitäten gründeten auf dem selbstverantworteten Konsens über Ausbildung, Wissenschaft und Ethik. Die Verantwortung für die Formalien der Ausbildung hat jetzt der Staat übernommen - nicht nur zum Vorteil der Psychotherapie. Zur Wissenschaftlichkeit der Methoden macht er keinen Angaben und überlässt die Beurteilung den jeweiligen universitären Inspektoren bei der Akkreditierung der Psychotherapieschulen. Eine gewisse Willkür ist dadurch nicht auszuschliessen und über die genaueren. Anforderungen an eigene Forschung sind wir auf Mutmassungen angewiesen. Er verweist lediglich auf die Kriterien der internationalen "scientific community". Wollen wir hier bestehen können wir auf den Austausch mit ihr nicht verzichten, die PAP-S ist sogar in diesem Umfeld entstanden. Tut das jede Schule in Zukunft einzeln, oder in einem gemeinsamen Gefäss? Das ist die historische Frage, um die es heute geht. ©

 

 

 

Was ist die Mad Pride?

Gemeinsam für die psychische Gesundheit!

Die Mad Pride lehnt sich an den Geist der Gay Pride an und wurde 1993 in Toronto als Reaktion auf Vorurteile und Diskriminierung gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen gegründet. Inzwischen wird die Mad Pride in vielen Ländern durchgeführt, um die Enttabuisierung, Entstigmatisierung und Sensibilisierung voranzutreiben.

Psychische Erkrankungen gehören gemäss Obsan, dem schweizerischen Gesundheitsobservatorium, zu den häufigsten Krankheiten in der Schweiz. Anders als ein Armbruch oder eine Hauterkrankung ist eine psychische Krankheit meistens nicht sichtbar. Psychische Krankheiten sind darüber hinaus immer noch stark mit Vorurteilen und Stigmata behaftet. Aus diesem Grund wird häufig nicht offen darüber gesprochen, die Krankheit verschwiegen. Betroffene leiden dadurch noch mehr.

Die Mad Pride soll dazu beitragen, negative Stereotypen im Bereich der psychischen Krankheiten aufzulösen und die Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen, dass uns psychische Erkrankungen alle irgendwann im Leben treffen können. Alle sind willkommen an der Mad Pride teilzunehmen – Betroffene, Angehörige, Fachpersonen, Interessierte und Passanten.

Die erste Schweizer Mad Pride 2019 in Genf war ein beachtlicher Erfolg und zog über 1’000 Teilnehmende an. Durch die erlangte Medienresonanz verschafften die Beteiligten dem Thema schweizweit Gehör.

 

 

 

 

 

Differentialdiagnostik

Differentialdiagnostik bei Schulangst und Arbeitsangst

Ärztliche Psychotherapie, Mai 2022, 17. Jahrgang, Heft 2, pp 114-118

 

Formularbeginn

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AutorInnen: Gerste, JohannaBlömacher, Victoria; Muschalla, BeateFormularende

  •  Zusammenfassung

Schulängste können mit körperlichen Beschwerden, Schulverweigerung sowie Leistungs- und Versagensängsten einhergehen. Schulängste sind als eigenständiges Syndrom krankheitswertig, wenn die Symptome stark ausgeprägt und persistent sind, und wenn sie mit deutlichen (psycho-)sozialen Beeinträchtigungen und schulbezogenem Vermeidungsverhalten einhergehen, auch unabhängig von ggf. sonstigen psychiatrischen Problemlagen.
Arbeitsängste weisen große Ähnlichkeiten mit Schulängsten auf und treten in allen bekannten psychopathologischen Formen auf: als spezifische situationsbezogene Ängste, soziale Ängste, körperbezogene Ängste, Sorgenängste oder als komplexe Arbeitsplatzphobie.
In der klinischen Praxis ist bei Schul- wie bei Arbeitsängsten eine konkrete Benennung des Phänomens sowie spezifische Behandlung notwendig, um die biographisch und sozialmedizinische Sonderproblematik des Schulabsentismus bzw. der Arbeitsunfähigkeit entgegenzuwirken.

Abstract

School Anxiety and Work Anxiety
School anxiety may go hand in hand with different symptoms, such as physical complaints, fears of achievement and failure, and school refusal. School anxiety is a syndrome of a disorder of its own if the symptoms in question are both severe and persistent and are accompanied by (psycho)social disorders and school-related avoidance behavior, and this implies a syndrome independent of any other psychiatric problems.
Work anxiety shows great similarities with school anxiety and occurs in all known psychopathological forms: as specific situation-specific anxiety, social anxieties, body-related anxiety, worrying, or complex workplace phobia.
In clinical practice, as regards both school anxiety and work anxiety, the phenomenon needs to be defined clearly and treated specially in order to counteract the specific biographical and socio-medical problems that result from school absenteeism or work disability.

 

 

 

 

 

 

Über das Böse (Teil 2)

Das triebhaft Böse

oder das hartnäckig Geleugnete und doch das rundum Ausgelebte

In Bezug auf das Böse finden wir einerseits im Persönlichkeits- und anderseits im Lebenstrieb zwei Strebungen von triebhaft-situativem Bösem: Die erste Strebung entspringt dem Affekt. Es ist so zusagen das alltägliche Böse, das eher spontan aufwallt und nach einer Bedenk- und Abkühlzeit zu Schuldbewusstsein, Sühne, Reue findet und nach Wiedergutmachung ruft. Die zweite Strebung ist unter Nutzung von Aggressivität im Lebenstrieb das Böse zur Selbsterhaltung einsetzt. Shalom Rosenberg beschreibt diese Wirklichkeit des Bösen als das anthropologische Böse: « Auf der Suche nach diesem anthropologischen Bösen (…) tauchen wir hinab in die Tiefen der menschlichen Seele» (Von der Macht des Bösen 2001, S. 69).   Korrekterweise muss beigefügt werden, dass Rosenberg eine Erscheinung des Bösen beschreibt, die sich auf einen Text zur Exegese des Buches Hiob durch Maimonides bezieht, in welcher sich eine Erscheinung (des Satans) nicht von kosmischer Natur sondern als Einbildungskraft im Menschen beschrieben wird: «All dies folgt der Einbildungskraft, welche der wahre  böse Trieb ist, auf dem Fuss: denn überall, wo es an dieser fehlt, fehlt es auch an Glaubensmeinungen, und der Einfluss der Einbildungskraft wirkt noch über die Tat hinaus fort» (Maimonides, 1972, Buch 2, Kapitel 6, S.50). Rosenberg wiederum ist sich nicht so sicher, ob es sich beim Bösen nur um eine Emanation der Einbildungskraft handelt, schreibt er doch: «Wir haben es eben nicht, wie Hannah Arendt nach dem Eichmann-Prozess sagte, mit einem Bürokraten des Bösen zu tun. Es geht vielmehr um etwas Dämonisches, Satanisches, das uns sein Gesicht gezeigt hat» (Rosenberg, 2001, S. 132).

 In der Schicksalspsychologie nennen wir das Böse aus Affekt «kainitisch». Hier zeigt sich das    Grundprinzip der Schicksalspsychologie: alles ist polar aufgebaut, so auch die Bedürfnisstruktur. Dem Triebbedürfnis nach Destruktion und bösartigem Verhalten wird als Instrument die psychische Hemmung in Form von ethischen Verhaltensregeln und die Moral als gesellschaftliche Ordnung entgegengesetzt.

Ein anderer Fall ist das Böse aufgrund der Gier und Habsucht im Ich-Trieb, in der Strebung k+. Güter, materielle und mentale, werden zusammengerafft, oft eben mittels rücksichtslosen und gesetzbrecherischen Handlungen. Schopenhauer meint, dass alles was sich dem Streben seines Egoismus entgegenstelle, er als seinen Feind zu vernichten versuche. «Er will wo möglich, alles geniessen, alles haben; da aber dies unmöglich ist, wenigstens alles beherrschen» (Schopenhauer, 1977, S. 236, zitiert bei Yousefi I/21, 162f). Schopenhauer fährt fort: «Der Egoismus ist kolossal. Er überragt die Welt». Das ist die Strebung k+ im schicksalsanalytischen Triebsystem. (alt)

 

 

 

 

 

 

Was Beziehungen toxisch macht

Formularbeginn

Ausgabe als PDF-Download (EUR 4,99)

Formularende

 Publiziert P              in Spektrum Psychologie 4/22

 

Eckhard Roediger |

Der promovierte Mediziner ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin. Er absolvierte eine tiefenpsychologisch fundierte sowie eine verhaltenstherapeutische Ausbildung und gründete 2008 das Institut für Schematherapie in Frankfurt am Main.

Eckhard Roediger: Frühe Lebenserfahrungen prägen uns. Sie bilden eine Vorlage, ein Schema, mit dem man die aktuelle Situation wahrnimmt, bewertet und dann entsprechend handelt. Manche Menschen mit schwieriger Kindheit entwickeln Überlebensstrategien, die Teil der Persönlichkeit werden. Ein Beispiel: Nehmen wir an, Sie sind in der Kindheit häufig alleingelassen worden und haben gelernt, mit der Situation klarzukommen, indem Sie sich zurückziehen und alles selbst machen. Dann werden Sie auch in einer Beziehung erwarten, von anderen verlassen zu werden, oder lassen sich gar nicht erst auf eine tiefe Bindung ein. Das wird von anderen oft als abweisend erlebt: »Man kann mit dir ja gar nicht reden, du bist so verschlossen.« Eine andere Reaktion auf dieselbe Erfahrung: Sie fangen an zu klammern, weil Sie erwarten, dass der andere Sie verlassen wird. Bei den allerersten Anzeichen von Desinteresse oder Unzuverlässigkeit verhalten Sie sich eifersüchtig, vorwurfsvoll und kontrollierend. Dann sagt der Partner: »Du bist doch verrückt, ich habe gar nichts gemacht. Du bist immer gleich auf 180.« Auf das gleiche Schema, die emotionale Vernachlässigung, können Sie so oder so reagieren: mit Rückzug oder kämpferisch.

Welche Persönlichkeitsstörungen gehen eher mit kämpferischen Verhaltensweisen einher?

Ein Beispiel sind Narzissten: Viele von ihnen haben als Kind Demütigungen, Beschämungen und Zurücksetzungen erlebt. Stellen Sie sich vor, ein Junge bekommt von seinen Eltern dauernd zu hören: »Du machst das nicht gut genug, streng dich mehr an, sonst wird aus dir nie etwas.« Dann lernt er: »Ich bin nur etwas wert, wenn ich etwas leiste. Der Zweitbeste ist der erste Verlierer.« Statt sich zurückzuziehen, versucht er, die Kontrolle auszuüben und immer bewundert zu werden. Das ist ein möglicher kompensatorischer Umgang mit Verletzungen in der Kindheit. Manche Menschen reagieren auf die gleiche Verletzung dagegen vermeidend. Sie denken: »Vielleicht haben die anderen ja Recht und ich bin wirklich nicht so toll.« Das sind Menschen mit einer abhängigen oder ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung.

Gesamter Text in Heft «Spektrum Psychologie» 4/22

Ausgabe als PDF-Download (EUR 4,99)

Formularende

 

 

Subjektivität und Intersubjektivität im psychoanalytischen Diskurs der Moderne

Zusammenfassung

«In der zeitgenössischen Psychoanalyse hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden Schulübergreifend wird das individuelle Seelenleben nicht länger isoliert betrachtet, sondern in seiner Bezogenheit auf andere Menschen und auf die miteinander geteilte äussere Realität. Entwicklungspsychologisch wird die Ursprungstheorie eines primären Narzissmus durch die einer primären Intersubjektivität ersetzt. Metapsychologisch weicht das klassische Triebmodell einem Beziehungsmodell der seelischen Struktur, die ihrerseits schon intersubjektiv verfasst und auf Umweltresonanz angewiesen ist.

Klinisch verändert sich mit dem relationalen Verständnis des analytischen Prozesses auch das Selbstverständnis des Therapeuten, der vom objektiven Beobachter zum subjektiven Teilnehmer in der Begegnung mit dem Patienten wird, ohne jedoch die komplementäre Rollenverteilung im Setting aufzugeben.»

Autoren: Martin Altmeyer, Martin Dornes

Publiziert in: «Psychodynamische Psychotherapie», Heft 1.2022

Bezug des Heftes: info@klett-cotta-zeitschriften

 

Kommentar:

Der Begriff «intersubjektiv» ist eine künstliche Abspaltung aus der von der Psychoanalyse erstellten Beziehungsstruktur zwischen Individuum und Umwelt, wobei Umwelt die nächsten Menschen, die familiäre Gemeinschaft, die Gruppe sowie sozialen Netze umfasst. In der von uns betriebenen psychoanalytischen Schicksalspsychologie ist das Triebsystem von zentraler Bedeutung: Das von Leopold Szondi begründete Triebsystem mit vier Trieben ist als vis vitalis undenkbar ohne eine hohe Vernetzung mit der Aussenwelt. Gerade der Narzissmus muss nicht durch eine «primäre Intersubjektivität» ersetzt werden, denn Narzissmus ist nur dann Ereignis, wenn er sich im Beziehungskontext abspielt, denn wesentlich am Narzissmus ist die soziale und gesellschaftliche Resonanz, ohne die er sich in einem schalltoten Raum befindet.

19.04.22 

 

 

Machtstreben und Aggression

unterschätzte Aspekte in der psychotherapeutischen Behandlung der Hysterie

Text aus «Psychosomatische Medizin und Psychotherapie» Heft Nr. 1/21

Zusammenfassung des Artikels durch die Autoren:

Fragestellung: Seit Jahrzehnten wird die Hysterie psychodynamisch sexualisiert im Rahmen eines frustrierten Begehrens mit depressivem Kern gedeutet. Dieser «Opfer»-Seite sollten jedoch die weiteren oft versteckten Aspekte der Hysterie mit Aggression und Streben nach Macht gegenübergestellt werden.

Methode: Es wird hier die grundsätzliche Hypothese verfolgt, dass die hysterische/histrionische Person in ihrer Entwicklung nicht primär «benachteiligt» worden ist, sondern ihr Streben nach Macht und damit ihre Aggressionspotential vor allem als ein gelernter Modus des Weltverhältnis zu verstehen ist, dass die Heranwachsenden auf einer innerfamiliären Spannungs- und Drucksituation gelernt haben, so zu reagieren und zu behaupten.

Ergebnis: Jede Therapie, die dies zu wenig im Blick hat, greift zu kurz und verstärkt den zugrunde liegenden Mechanismus im Rahmen der therapeutischen Erziehungsdynamik. In der Behandlung muss zunehmend für den Patienten* spürbar werden, wieviel Zerstörung und Einsamkeit dieses Weltverhältnis mit sich bringt.

Diskussion: Erst wenn für den Patienten erfahrbar wird, dass eine Reduktion von Dominanz und Selbstbezüglichkeit sowie Zunahme «echter» gefühlter Empathie zu für ihn befriedigenderen Beziehungen führt, kann das «Gefangensein» im hysterischen Modus stückweise aufgehoben werden.

*Genderung je nach Kontext verschieden.

Quelle: Ganzer Text in «Psychosomatische Medizin und Psychotherapie» Heft Nr. 1/21

Autoren: Georg Juckel, Paraskevi Mavrogiorgou, Klinik für Psychiatrie, Psychogtherapie und Präventivmedizin der Ruhr-Universität Bochum

Unser Kommentar:

Schicksalsanalytisch ist die Hysterie (in der schicksalsanalytischen Nomenklatur und Trieblehre: hy im Paroxysmaltrieb) der Ausdruck und die Bekämpfung einer Akzeptationsproblematik (Anerkennung suchen, bipolare Persönlichkeitsstörung) die im Geltungsdrang und – extrem – im Bewegungssturm einen Ausweg sucht. Im Ich-Willen reift dieser Kampf um Anerkennung zu einem Streben nach Macht und Dominanz und wird damit zu einem Aspekt der Persönlichkeit. Im schicksalsanalytischen Trieb-Arrangement zur Hysterie (Lebenstrieb, Paroxysmaltrieb der Affekte, Ich-Trieb) wird als Kraftquelle die aggressive Strebung des Lebens- und Sexualtriebs angezapft. Damit ist auch der Brückenschlag zur Sexualisierung des ganzen hystroiden Arrangements gegeben. Das therapeutische Problem bei der Behandlung von Hysterie besteht u.a. auch darin, dass sich für die hystroide Person die Kombination von hystroiden Verhalten und Macht/Dominanz in der Gesellschaft aus vorteilhaft erweist. Dies zeigt sich bei Politikern mit schauspielerischer Begabung oder bei Schauspielern mit politischer Neigung.   

 

Multiple Persönlichkeiten: Zersprungene Seele

Die dissoziative Identitätsstörung wirkt so unglaublich, dass manche immer noch an ihrer Existenz zweifeln. Langsam enthüllen Forscher jedoch, wie die innere Spaltung entsteht.

von Corinna Hartmann

 

 Als Lina noch zur Schule ging, gab sie ihren Lehrern Rätsel auf. Mal absolvierte sie eine Mathearbeit fehlerfrei, wenig später reichte es gerade so für eine Fünf. Am einen Tag schrieb sie mit rechts, am nächsten hielt sie den Füller in der linken Hand. Zeitweise waren Buchstaben und Zahlen mit kunstvollen Schnörkeln versehen, dann verschwanden die Ornamente in ihrer Handschrift wieder. Später, nachdem sie ihr Studium begonnen hatte, wunderte sie sich häufig über sich selbst. »Einmal stand ich extra früh auf, um ein Referat vorzubereiten – da lag der fertige Text schon im Drucker«, erzählt sie. Lina realisierte damals noch nicht, dass anderen Menschen nicht immer wieder wie ihr Stunden, Tage oder Wochen fehlen. Dass sie nicht an unbekannten Orten aufwachen, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen sind. (…)

Erst mit 20 erfährt sie, dass sie nicht allein in ihrem Körper ist. Ihre damalige Psychotherapeutin schöpft Verdacht, nachdem die Patientin offenbar keinerlei Erinnerungen an die letzte Sitzung hat. Lina, die heute Mitte 40 ist und eigentlich anders heißt, hat eine »dissoziative Identitätsstörung«. Unter dem früher gebräuchlichen Namen »multiple Persönlichkeit« ist das Phänomen zum festen Bestandteil der Popkultur geworden.  

(…) In den Gehirnen Betroffener finden sich noch weitere Gemeinsamkeiten. Sowohl Multiple als auch Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung haben etwa einen auffallend kleinen Hippocampus. Die Hirnregion gehört zum limbischen System und verarbeitet Emotionen und Erinnerungen. Extremer Stress führt womöglich dazu, dass dort angesiedelte Neurone absterben und weniger neue gebildet werden. Eine 2021 erschienene Analyse mehrerer Studien ergab, dass das Hippocampusvolumen bei Personen mit einer dissoziativen Identitätsstörung noch geringer war als bei jenen mit Posttraumatischer Belastungsstörung. (…)  Und wie ging es weiter? Gesamter Text in Spektrum 1.04.22

 

Verlierer haben Hochkonjunktur in der Pandemie

 

Zitat aus dem Interview mit Marc Walder, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Dienste Aargau.

Interviewer: Manche würden jetzt auf die Corona-Impfgegner zeigen, die als ichbezogen und unsolidarisch gelten, weil sie andere gefährden.

Marc Walder: «Der entscheidende Punkt ist, dass sie sich nicht reinreden lassen wollen. Bei Narzissten ist das auch so. Sie können nicht annehmen, was von aussen kommt. Sie erleben es als Kränkung ihrer Autonomie und Hoheit. Deswegen lehnen sie sich dagegen auf. Dahinter stehen zum Teil diese Grössenideen, dass man es besser weiss, da können zig Experten eine andere Meinung haben.» (Quelle: SonntagsZeitung, 2.01.2022)

Unser Kommentar:

Quasi-Narzissmus ist sicher ein wesentlicher Aspekt der Selbstprofilierung. Schicksalsanalytisch spielt jedoch beim Stichwort «Kränkung» auch eine massive Akzeptationsproblematik mit. Unter den Impfverweigerern sind Menschen, die sich im Sinne eines Grundempfindens als Benachteiligte, Übergangene und Verlierer sehen. Das ist nicht Narzissmus – dafür fehlt die Aufgeblasenheit und die gekünstelte Selbstsicherheit - sondern ein Minderwertigkeitsgefühl, das mit Globalisierung, sozialen Umwälzungen in der Gesellschaft und neue Anforderungen am Arbeitsplatz halb unbewusst um sich greift. Bewusst wird, dass man unter die Räder gerät und der «Gesellschaft» das egal ist.

Unter schicksalspsychologischen Aspekten muss damit gerechnet werden, dass die Übergangenen ihren Widerstand gegen die Impfungen als Mittel der trotzigen Selbstbehauptung auch nach der Pandemie und vor der nächsten Pandemie in die Institutionen tragen. Demokratische Prozesse, Behörden, Interessenverbände und etablierte Parteien werden als Feinde angesehen.

Und wo befindet sich dabei die Psychotherapie? In einer sehr heiklen Lage: klärende psychotherapeutische Bemühungen bei Klienten und Klientinnen die Impfgegner sind und sich zugleich wegen persönlicher Probleme in einer Therapie befinden, werden als gönnerhaft von oben herab, als belehrend und gängelnd empfunden. Das ist als  Ausgangslage das No-go für eine sinnvolle psychotherapeutische Arbeit.

(Pellegrino)

 

Ego States kompakt

 

19.08.2022, 9.00 - 17.30 Uhr

Olten - Seminarinsel (Raum Walzer), Konradstrasse 30, 4600 Olten

Kann bei der FSP als Fortbildung angegeben werden.

 

Das Veranstaltungsprogramm der SGVT ist als Fortbildung SAPPM und Fortbildung SGPP mit je 7 Credits (1 Tag) und 14 Credits (2Tage) anerkannt.

 

Die Ego State Therapie baut auf der Annahme auf, dass die Persönlichkeit aus verschiedenen Anteilen/Aspekten (Ego States) besteht. Probleme bzw. Störungen sind oft Ergebnis davon, dass einzelne Ego States abgelehnt und bekämpft werden. Ziel der Therapie ist die Integration aller für das Problem relevanter Ego States. Der Workshop will Sie mit den Grundgedanken des Ego State Ansatzes bekannt machen. Ausgewählte Aspekte werden in Kurzdemonstrationen und Übungen veranschaulicht und erprobt.

 

Grundlagen der Ego-State-Therapie

Was sind Ego-States?

Entwicklung von Ego-States: wie entstehen Ego-States

Grobe Einteilung von Ego-States

Das SARI-Modell (nach Phillips & Frederick 1995)

Sicherheit, Stabilisierung

Access, Aktivierung von Ego-States

Reprocessing, Korrigierende emotionale Erfahrung von Ego-States

Integration: Kooperativer Umgang zwischen Ego-States

 

Übung: innerer sicherer Ort aufsuchen, Ego-State „innere Stärke“ kennenlernen

 

Zwei Methodische Vorgehensweisen

Die nicht-hypnotische Technik der Ego-State-Arbeit mit Hilfe von Stühlen

Der innere Konferenzraum, der innere Gesprächsraum – hypnotische Arbeit mit Ego-States

Ein ausgewählter Ego-State: die Arbeit mit dem Inneren Kritiker

Abschluss des Workshops

 

Zielgruppe

praktizierende Psychotherapeut:innen, Psycholog:innen, Psychiater:innen

Anerkennung

wird beantragt

ReferentIn

Dr. phil. René Hess

René Hess, Dr.phil., systemischer Therapeut und Supervisor, klinische Hypnose M.E.G und Ego State Therapeut.

Arbeitet in Bern in eigener Praxis: www.hess-psy.ch

 

Kursdetails

19.08.2022, 9.00 - 17.30

1 Tag, 8 Arbeitsstunden à 50 Min.

Maximale Teilnehmeranzahl: 18

 

Kursort

Olten - Seminarinsel (Raum Walzer), Konradstrasse 30, 4600 Olten

Kosten

CHF 200 für SGVT Mitglieder

CHF 270 für nicht-Mitglieder

 

Anmeldeschluss: 29.07.2022

 

Anmeldung:

Ego States kompakt

19.08.2022, 9.00 - 17.30 Uhr, Olten - Seminarinsel (Raum Walzer), Konradstrasse 30, 4600 Olten

CHF 200.00 für SGVT Mitglieder / CHF 270.00 für nicht-Mitglieder

 

Schweizerische Gesellschaft für kognitive Verhaltenstherapie
Weihergasse 7 | 3005 Bern | Telefon +41 (0)31 311 12 12 | info@sgvt-sstcc.ch

 

07.01.2022

Ein Filmbuch: Panorama des Unbewussten

 

Alois Altenweger

Im Schwabe Verlag ist ein interessantes Buch mit dem Titel «Panorama des Unbewussten» und dem Untertitel «Die Schicksalsanalyse in Filmproduktion, Filmrezeption und Filminterpretation» erschienen. Dem Autor gelingt es, auf Grund seines filmischen Wissens und seiner schicksalspsychologischen Kenntnisse die Schicksalsanalyse als befruchtendes Substrat in das Wesen des Filmes als Kulturelement einzubetten. Insbesondere im Kapitel «Die Filmdeutung» werden das familiäre Unbewusste und die Trieblehre als Instrumente der Deutung eingeführt, beispielsweise an der Filmkomödie «Arsen und Spitzenhäubchen», eine Filmgeschichte, die wir punktuell im folgenden Text aufnehmen. Bedeutsam für das Buch ist der vom Autor herausgearbeiteten kultur- und gesellschaftsanalytische Perspektive Leopold Szondis.

Was kann die Schicksalsanalyse zur Deutung des Filmes beitragen?

 

«Arsen und Spitzenhäubchen» wird vom Autor als Film zitiert, um das Wirken des von der Schicksalsanalyse entdeckten familiären Unbewussten als Hinter- und Untergrund einer Verfilmung zu zeigen. Damit hat er ins Schwarze getroffen, denn der Film, dessen Genrebezeichnung «Schwarzer Humor» nur vordergründig dem Inhalt gerecht wird, ist ein schicksalsanalytisches Meisterstück. Die Hauptperson des Films, Mortimer Brewster, von Beruf Theaterkritiker, entdeckt Leichen im Haus seiner Tanten. Damit sind wir beim schicksalsanalytischen Brennpunkt des Filmes:

Die Familie Brewster ist eine kollektive Triebstörung. Die Tanten morden als Freizeitbeschäftigung und befriedigen damit einen Triebdrang zur Vernichtung. Sie töten, um ihre Opfer «Gott näher zu bringen».

 

Für die Schicksalsanalyse ist dieses «Triebbedürfnis» ein Erbe, denn Triebe und ihre Strukturen der Bedürfnisbefriedigung - auch der amoralischen – sind seit Kain und Abel genetisch fixiert. Das menschliche Triebsystem gehört wohl zum Stabilsten der biologischen, psychischen und mentalen Ausrüstung des Menschen. Die Geschichte des menschlichen Seins zeigt eine unerhörte Konstanz der Triebe, der Triebbefriedigungen und der Irrungen und Wirrungen beim Ausleben von Trieben. Das ererbte Triebleben ist ein weites Feld. Daher morden die Tanten nicht in einem Anfall individuell erworbener psychischer Störungen, sondern sie leben uralte Triebbegierden des Vernichtens und des Tötens aus. Wie sie in jedem von uns vorhanden sind.

 

Die Tanten selbst rechtfertigen ihr Tun als Mitleid. Tatsache ist: Im Auftauchen aus dem familiären Unbewussten kann die erbliche Mordeslust nicht mehr in Symptomen und Ersatzhandlungen sublimiert werden, sondern sie drängt zur Tat. Somit wird gemordet. Das von den Tanten angeführte «Mitleid» als Tatmotiv ist schicksalsanalytisch gesehen eine dünne Folie der Selbstbeschwichtigung und gesellschaftlicher Rechtfertigung.

 

Der an Grössenwahn leidende Bruder von Mortimer, Teddy, hält sich für Präsident Roosevelt und der andere, als verschollen bezeichnete Bruder Jonathan, ist polizeiliche gesuchter Serienmörder. In beiden Schicksalen wird ein Allmachtwahn gelebt: Leben wird vernichtet: ein Präsident führt Krieg und ein Serienmörder legt selbst Hand an.

 

Noch ein interessantes Detail der Filmgeschichte: Mortimer hat erst vor wenigen Stunden geheiratet, als er eine Leiche im Haus der Tanten entdeckt.

 

Seine junge Frau ist die Tochter eines Pfarrers. Schicksalsanalytisch gesehen, ist diese Wahl einer Frau aus dem religiösen Milieu ein unbewusster Versuch, sich der mörderischen Kollektivschuld der Familie – denn eine solche liegt zweifellos vor – zu entziehen und wie auch immer Sühne zu leisten.

 

Gegen Ende des Stückes erfährt Mortimer, dass er als Kind adoptiert wurde und daher nicht fürchten müsse, den Wahnsinn seiner Angehörigen geerbt zu haben. Er könne beruhigt mit seiner Frau auf die Hochzeitsreise gehen. Irrtum, lieber Mortimer: Deine Adoptiveltern haben sich nämlich bei deiner Wahl zum Adoptivkind – schicksalsanalytisch – unbewusst von ihrer Genaffinität zwischen ihnen und dir leiten lassen. Du weist eine sehr ähnliche Triebdisposition auf wie deine Tanten, nur sublimierter gelebt, denn vorläufig «tötest» du als Theaterkritiker nur AutorInnen und ihre Stücke. Leopold Szondi, der Begründer der Schicksalsanalyse, hat den Begriff des «Tintenfass-Kains» geprägt: «Das sind Kritiker und Rezensenten, die hinter dem sicheren Schutzwall einer Zeitungs- oder Zeitschriftenredaktion (…) die Werke ihrer Fachkollegen buchstäblich an-schwärzen». In der Schicksalsanalyse steht «Kain» sinnbildlich für böse Handlungen, Vernichtungswut, Zerstörungslust und Neid.

 

Der Film zeigt exemplarisch den Erb- und Wiederholungszwang, der die prüfenden und steuernden Funktionen im ICH-Trieb durch Grössenwahn – eine das ICH aufblähende Triebgier – ersetzt. Den Mordopfern «Gott näher zu bringen» oder Präsident Roosevelt zu sein oder sich als Serienmörder zum Entscheider über Leben und Tod zu machen, das ist ein sich selbst bis zum Wahn überhöhendes ICH.

 

Schumacher ist es überzeugend gelungen, die Konzepte der Schicksalsanalyse als psychologische Grundstruktur der Kunstform «Film» in zahlreichen Beispielen musterhaft herauszuarbeiten. Er öffnet damit dem Film eine Dimension in Form eines schicksalsanalytischen Plots. Dieser Plot vereinigt die unbewussten Ahnenzwänge aller am Film Beteiligten: Drehbuchautor, Regisseur, Schauspieler, technisches und administratives Personal – sie alle fügen während der Produktionszeit Puzzles ihres Unbewussten zur Cloud eines gemeinsamen Unbewussten auf dem Set zusammen. Dabei entsteht so etwas wie eine temporäre Familie. Nach den Dreharbeiten und dem Anlaufen des Filmes in den Kinos findet für alle Beteiligten eine mehr oder weniger rasche Auflösung – je nach der Intensität des individuellen Engagements - der Bindungen zum Unbewussten der Filmproduktionsfamilie statt.

 

Der Autor verknüpft die wesentlichen schicksalsanalytischen Elemente wie Erbe, Triebe und deren dominante Erscheinungsformen zur Deutung des psychischen Wesens «Film».. Hintergründige Triebpotentiale tauchen im Ablauf der Filmerzählung plötzlich auf, scheinbar Dominantes erweist sich als Dekor, familiäres Unbewusste und Bedürfnisdruck führen zu drastischen Veränderungen im Verhalten von Personen, was zu radikal neue Deutungen führt.

 

Titel: Panorama des Unbewussten

Autor: Holger Schumacher

Schwabe Verlag Berlin, 2021

 

04.01.2022

Aktuelles zur Epigenetik: Wir können unsere Gene steuern

Neurowissenschaftlerin Isabelle Mansuy hat mit „Wir können unsere Gene steuern“ einen faktenreichen Überblick zur Epigenetik vorgelegt.

Ihr Wissen reicht sie zudem als Ratschläge weiter, wie man seine Zellen schützen kann. Unsere Umwelt, was wir erleben, wie wir uns ernähren, diese Einflüsse prägen nicht nur unsere eigene Gesundheit und unseren Charakter, wir vererben diese Einflüsse auch an unsere Nachkommen weiter. Die Wissenschaft der Epigenetik liefert dazu viele Erkenntnisse und bringt so auch gesichert geglaubtes Wissen ins Wanken.

 

Neueste Forschungsergebnisse

Die Neurowissenschaftlerin Isabelle Mansuy verknüpft in ihrem Buch neueste Forschungsergebnisse aus der Epigenetik mit Ratschlägen für ein gesünderes und glücklicheres Leben. Obwohl sie sich mit dem Psychotherapeuten Jean-Michel Gurret und der Journalistin Alix Lefief-Delcourt zusammengetan hat, ist es sehr sachlich gehalten und kommt (leider) nicht ohne zahlreiche Fachbegriffe aus. Zwei Drittel des Buches referiert Mansuy den aktuellen Forschungsstand. Ausführlich beschreibt sie, welche biochemischen Mechanismen die Aktivität unserer Gene steuern und wie Faktoren aus der Umwelt unsere DNA beeinflussen können. Beispielsweise

So wirkte sich eine Hungersnot in den Niederlanden nicht nur auf die Gesundheit der Betroffenen aus, sondern auch auf deren Kinder und Enkel. Auch traumatische Erlebnisse, wie die Terroranschläge vom 11. September 2001, hinterlassen biologische Spuren in den Zellen der Überlebenden und ihrer Nachkommen.

 

Von Mäusen und Menschen

Einige biochemische Einflüsse sind inzwischen im Detail erforscht, andere sind nach wie vor rätselhaft. Besonders wichtig in diesem Zusammenhang sind Versuche mit Mäusen und Ratten, die im Labor besonderen Stresssituationen ausgesetzt wurden. Wenn zum Beispiel kleine Mäuse von ihrer Mutter getrennt werden, ändert sich die Aktivität ihrer Gene und die Mäuse werden stressanfällig. Das hat erhebliche Auswirkungen auf ihre Gesundheit wie auch auf die Nachkommen. Sie werden stressempfindlicher und gehen mehr Risiken ein.

 

Im letzten Drittel wird das Buch zum Ratgeber

Die praktischen Hinweise sind verständlich und hilfreich, wenn auch wenig überraschend. Wer die Epigenetik seiner Zellen schützen möchte, sollte Tabak, Alkohol, Drogen und Pestizide meiden. Eine zum grossen Teil pflanzliche Ernährung und ausreichend Bewegung nützt der Epigenetik und damit der Gesundheit.

Auch Meditation, Psychotherapie oder das Hören von Musik haben Wirkung auf die Aktivität der Gene und gehören somit zu den Umweltfaktoren, die die Epigenetik positiv beeinflussen.

Mansuy greift eines der wichtigsten Wissenschaftsthemen unserer Zeit auf. Wer bereit ist, auch schwierigere Passagen dieses faktenreichen Buches zu lesen, erfährt viel über das Zusammenwirken von Erbgut und Umwelt.

von Michael Lange

 

Quelle: Deutschlandfunk Kultur

BuchautorIn: Isabelle M. Mansuy, Jean-Michel Gurret, Alix Lefief-Delcourt:

Titel: „Wir können unsere Gene steuern. Die Chancen der Epigenetik für ein gesundes und glückliches Leben“

Aus dem Französischen von Martin Zwilling, Berlin Verlag, Berlin 2020 430 Seiten, 26 Euro/Fr. 31.90, e-bbok: ca. Fr. 22.90

 

Isabelle M. Mansuy ist Professorin für Neuroepigenetik an der Universität Zürich und der Eidg. Technischen Hochschule (ETH), Co-Direktorin des Hirnforschungsinstituts der Universität Zürich und stellvertretende Leiterin des Instituts für Neurowissenschaften an der ETH.

 

28.12.21

 

 


Voneinander lernen: wie werden Angehörige erreicht? 

Selbstmanagement-Förderung bei nichtübertragbaren Krankheiten, Sucht und psychischen Erkrankungen


Liebe Stakeholder der Selbstmanagement-Förderung

Wir freuen uns sehr, Sie für das Forum SELF 2021 am 9. November 2021 von 13.00 – 17.15 Uhr einladen zu können. Gerne lassen wir Ihnen das Programm zukommen. Das Forum findet im Wankdorf, Bern, statt. Für die Teilnahme wird ein Covid-Zertifikat erforderlich sein.

Um die Interaktion untereinander zu fördern und voneinander profitieren zu können, wird der Grossteil der Workshops im Hackathon-Format durchgeführt. Mittels Umfrage werden Ihre «Herausforderungen in der Praxis» gesammelt und in den Workshops gemeinsam Lösungsansätze gesucht. Bitte nehmen Sie an der kurzen Umfrage bis am 26. Oktober 2021 teil, damit wir Ihre Herausforderungen aufnehmen können: Umfrage

Die Anmeldung können Sie hier vornehmen: Anmeldeformular

Wir laden Sie ein, sich bis am 26. Oktober 2021 einzuschreiben. Eine Woche vor dem Anlass werden Sie für die Auswahl der Workshops eingeladen werden.

Wir freuen uns auf den Austausch mit Ihnen am Forum SELF 2021!

Mit freundlichen Grüssen

 

Borderline: Ein Leben in extremis

NZZ-Artikel vom 12. Juli 2021

"Das Boderline-Syndrom ist für Aussenstehende schwer zu verstehen. Wer die Krankheit hat, wird stark stigmatisiert. Das Gefühlschaos kann überwältigend sein. Doch es gibt Patienten, die gut damit leben."

Autorinnen: Natalie Wenger, Dorothee Vögeli, Selina Schmid

 

Resonanzen in der therapeutischen Beziehung

Psychosomatische Ansätze in der Psychotherapie

Zusammenfassung: "Ausgehend von neuen Forschungsansätzen wird der Resonanzbegriff in seiner Relevanz für die Psychosomatik dargestellt. Aus der Medizin wird die Leibphänomenlogie, aus der Neurophysiologie werden neuronale Synchronisierung und Spiegelneurone, aus der Physik wird die fundamentale Verstärkung von Schwingungen durch Resonanz, aus der Soziologie werden die 'anwortende' und die 'stumme' Weltbeziehung (Rosa) in die Überlegungen mit einbezogen. Eine Theorie der Weltbeziehungen durch Resonanz wird in Grundzügen angedeutet und mit Beispielen belegt.

Es wird gezeigt, dass wesentliche psychosomatische Grundbegriffe durch die Theorie der Resonanz in ein helleres Licht gerückt werden können. So lassen sich beispielsweise die Einheit von Leibund Seele (bzw. Geist oder Ich), Leibgedächtnis und Erinnerung, die Umwelt als Resonanzraum der Sinne und schliesslich der Ruhezustand (Innehalten, Nichthandeln) in ihrer Dynamik verdeutlichen.

Eine besondere Bedeutung hat die Einbeziehung von Resonanzprozessen für die Hirnfunktion. Anstelle einer Hirntheorie, die den Geist in den Nervennetze mystifizierend hinein projiziert, ist Geist im ganzen Leib und in jeder Zelle vorhanden. Nicht der Dualismus von Körper und Geist inm Sinne von Descartes, sondern die Leib-Seele-Geist-Einheit (monas) im Sinne von Leibnitz ist dafür ein geeigneter Denkansatz: Gehirn und übriger Leib stehen nicht in einem kausalen, sondern in einem partnerschaftlichen Verhältnis. Die Theorie einer zerebralen Steuerfunktion dürfte demnach künftig durch eine Resonanztheorie des Gehirns abgelöst werden."

Der Artikel wurde in "Psychotherapie-Wissenschaft" 7(2) 39 - 48 2017 veröffentlicht.

Autor:Dr.med. Hans Jürgen Scheurle, Kontakt: sinnespark@t-online.de

 

 

 Meditieren mit Nebenwirkungen

 

"In der kürzlich veröffentlichten US-Studie (Boston University, Clinical Psychological Science) unterzogen sich 96 Teilnehmer einer Achtsamkeitsbasierten Kognitiven Therapie. Sie wurden im ersten Monat von Achtsamkeitstrainern angeleitet und praktizierten im folgenden Monat allein zu Hause, im Schnitt eine halbe Stunde pro Tag. Vier von zehn Teilnehmern hatten eine Depression, jeder dritte nahm Antidepressiva.

Durch das Training besserten sich die Symptome wie Antriebslosigkeit oder gedrückte Stimmung deutlich, aber das erkauften sich viele mit unangenehmen Erlebnissen. 266 Symptome konnten mit dem Achtsamkeitstraining in Verbindung gebracht werden. Das waren zum Beispiel Schlafstörungen, Angst- oder Panikgefühle, ein Wiedererleben traumatischer Erlebnisse, Verzerrungen von Zeit und Raum oder Selbstentfremdung. 56 der 96 Teilnehmer, also mehr als die Hälfte, erlebten mindestens ein Ereignis, das sie als negativ bewerteten. Jeder dritte fühlte sich im Alltag beeinträchtigt und wünschte eine Änderung der Behandlung."

Quelle: Zitat aus einem Artikel der "NZZ am Sonntag" vom 27. Juni 2021, Autorin: Felcitas Witte

 

 

Psychologie berufegesetz: Wichtige Änderungen

Akkreditierungskriterien und Qualitätsstandards

 

Anhand der gesetzlich festgelegten Akkreditierungskriterien sowie definierter Qualitätsstandards wird im Rahmen der Akkreditierung überprüft, ob die Weiterbildungsgänge den Anforderungen des Psychologieberufegesetzes entsprechen.

 

Akkreditierungskriterien

Im Psychologieberufegesetz sind die Anforderungen an die Weiterbildungsgänge, die im Rahmen der Akkreditierung überprüft werden, in Form von Akkreditierungskriterien festgehalten (Art. 13). Um die Überprüfung jenes zentralen Akkreditierungskriteriums zu ermöglichen, das auf die Erreichung der vom Gesetz in Artikel 5 vorgegebenen Weiterbildungsziele ausgerichtet ist (Art. 13 Abs. 1 Bst. b), wurden Qualitätsstandards formuliert.

 

Qualitätsstandards

Diese Standards wurden vom Bundesamt für Gesundheit BAG - in Zusammenarbeit mit der Agentur für Akkreditierung und Qualitätssicherung AAQ - auf der Basis der im Psychologieberufegesetz enthaltenen gesetzlichen Bestimmungen, in der Schweiz geltender Standards sowie internationaler Vorgaben entworfen und im Gespräch mit Fachpersonen aus den jeweiligen Bereichen angepasst und finalisiert.

 

Dokumente zur Einreichung der Akkreditierungsgesuche

Der Leitfaden zum Akkreditierungsverfahren enthält detaillierte Ausführungen und Richtlinien zu jedem einzelnen Aspekt der Akkreditierung nach PsyG, zur Erstellung des Selbstevaluationsberichts sowie zum Ablauf der Fremdevaluation.

Den Leitfaden zum Akkreditierungsverfahren, die Qualitätsstandards sowie die Vorlagen für das Akkreditierungsgesuch und den Selbstevaluationsbericht finden sich für die verschiedenen Fachbereiche gesondert in den folgenden Listen:

  • Psychotherapie
  • Kinder- und Jugendpsychologie
  • Neuropsychologie
  • Gesundheitspsychologie
  • Klinische Psychologie

 

Wichtiger Hinweis
Im Rahmen der Teilrevision der AkkredV-PsyG, die am 15. Dezember 2020 in Kraft getreten ist, wurde Anhang 1 betreffend die Qualitätsstandards für das Fachgebiet der Psychotherapie angepasst. Die Dokumente und Vorlagen zum Akkreditierungsverfahren in diesem Bereich wurden entsprechend aktualisiert.

Bitte nutzen Sie nur die Dokumente vom 15. Dezember 2020!

 

 

Von der Steinzeit ins Internet

Wir sind die Sklaven unserer Reize

 

Eine Feststellung des Neuropsychologen Lutz Jäncke von der Universität Zürich in einem Interview mit der Zürcher Tages-Anzeiger.

In seinem neuesten Buch «Von der Steinzeit ins Internet» beschäftigt sich Lutz Jäncke mit den Gefahren und Verlockungen der Digitalisierung wie sie durch die enorme Masse an Informationen in Form von Text, Ton und Bild geschaffen und vermittelt werden. Wir zitieren aus dem Interview eine Kernaussage des Neuropsychologen:

«Frage: Was können Eltern tun, damit ihre Kinder im digitalen Dickicht nicht verloren gehen?

Weil bei Kindern und Jugendlichen der Frontalkortex (Der Frontalkortex spielt eine zentrale Rolle bei Handlungsplanung, -ausführung und Handlungskontrolle sowie für das Langzeitgedächtnis und das Lösen von Problemen) noch nicht ausgereift ist, fehlt es ihnen oft an Selbstdisziplin und Selbstkontrolle. Viele haben deshalb auch Schwierigkeiten mit der Konzentration und sind besonders anfällig für die verlockenden ‘Lust-Impulse’ aus dem Internet. Das macht sie reizgetriebener, so dass sie am Schluss nicht mehr die Agenten ihres eigenen Handelns sind. In solchen Fällen müssen Eltern Regeln mit dem Umgang der digitalen Medien aufstellen und dadurch den noch nicht vollständig ausgebildeten Frontalkortex ‘ersetzen’. Auch digitale Auszeiten, das sogenannte Digital Detox, sind immer hilfreich.»

Tags: Internet, Frotallkortex, digital Detox

Quelle: Tages-Anzeiger, 27.05.2021, S.36

 

Buch zum Thema: Lutz Jäncke, «Von der Steinzeit ins Internet. Der analoge Mensch in der digitalen Welt.», Hogrefe, 2021, Fr. 33.--

 

Das aktuelle Buch:

Isabelle Mansuy u.a.: „Wir können unsere Gene steuern“

 

Wie die Umwelt unser Erbgut beeinflusst

Von Michael Lange

 

 

Neurowissenschaftlerin Isabelle Mansuy hat mit „Wir können unsere Gene steuern“ einen faktenreichen Überblick zur Epigenetik vorgelegt. Ihr wissen reicht sie zudem als Ratschläge weiter, wie man seine Zellen schützen kann.

Unsere Umwelt, was wir erleben, wie wir uns ernähren, diese Einflüsse prägen nicht nur unsere eigene Gesundheit und unseren Charakter, wir vererben diese Einflüsse auch an unsere Nachkommen weiter. Die Wissenschaft der Epigenetik liefert dazu viele Erkenntnisse und bringt so auch gesichert geglaubtes Wissen ins Wanken.

 

Neueste Forschungsergebnisse

Die Neurowissenschaftlerin Isabelle Mansuy verknüpft in ihrem Buch neueste Forschungsergebnisse aus der Epigenetik mit Ratschlägen für ein gesünderes und glücklicheres Leben. Obwohl sie sich mit dem Psychotherapeuten Jean-Michel Gurret und der Journalistin Alix Lefief-Delcourt zusammengetan hat, ist es sehr sachlich gehalten und kommt (leider) nicht ohne zahlreiche Fachbegriffe aus.

 

Zwei Drittel des Buches referiert Mansuy den aktuellen Forschungsstand. Ausführlich beschreibt sie, welche biochemischen Mechanismen die Aktivität unserer Gene steuern und wie Faktoren aus der Umwelt unsere DNA beeinflussen können.

 

Beispielsweise

So wirkte sich eine Hungersnot in den Niederlanden nicht nur auf die Gesundheit der Betroffenen aus, sondern auch auf deren Kinder und Enkel. Auch traumatische Erlebnisse, wie die Terroranschläge vom 11. September 2001, hinterlassen biologische Spuren in den Zellen der Überlebenden und ihrer Nachkommen.

Von Mäusen und Menschen 

Einige biochemische Einflüsse sind inzwischen im Detail erforscht, andere sind nach wie vor rätselhaft. Besonders wichtig in diesem Zusammenhang sind Versuche mit Mäusen und Ratten, die im Labor besonderen Stresssituationen ausgesetzt wurden.

Wenn zum Beispiel kleine Mäuse von ihrer Mutter getrennt werden, ändert sich die Aktivität ihrer Gene und die Mäuse werden stressanfällig. Das hat erhebliche Auswirkungen auf ihre Gesundheit wie auch auf die Nachkommen. Sie werden stressempfindlicher und gehen mehr Risiken ein. 

 

Im letzten Drittel wird das Buch zum Ratgeber. Die praktischen Hinweise sind verständlich und hilfreich, wenn auch wenig überraschend. Wer die Epigenetik seiner Zellen schützen möchte, sollte Tabak, Alkohol, Drogen und Pestizide meiden.

Eine zum großen Teil pflanzliche Ernährung und ausreichend Bewegung nützt der Epigenetik und damit der Gesundheit. Auch Meditation, Psychotherapie oder das Hören von Musik haben Wirkung auf die Aktivität der Gene und gehören somit zu den Umweltfaktoren, die die Epigenetik positiv beeinflussen.

Mansuy greift eines der wichtigsten Wissenschaftsthemen unserer Zeit auf. Wer bereit ist, auch schwierigere Passagen dieses faktenreichen Buches zu lesen, erfährt viel über das Zusammenwirken von Erbgut und Umwelt.

Beurteilung durch den "Bücherwurm" des pschologieforums:  *****   anspruchsvoll, instruktiv

 

Quelle:  Deutschlandfunk Kultur

Isabelle M. Mansuy, Jean-Michel Gurret, Alix Lefief-Delcourt: „Wir können unsere Gene steuern. Die Chancen der Epigenetik für ein gesundes und glückliches Leben“
Aus dem Französischen von Martin Zwilling, Berlin Verlag, Berlin 2020
430 Seiten, 26 Euro/Fr. 31.90, e-bbok: ca. Fr. 22.90

 

Isabelle M. Mansuy ist Professorin für Neuroepigenetik an der Universität Zürich und der Eidg. Technischen Hochschule (ETH), Co-Direktorin des Hirnforschungsinstituts der Universität Zürich und stellvertretende Leiterin des Instituts für Neurowissenschaften an der ETH.

 

 

szondi-impuls!

Schuld und Sühne: Ahnenzwang

 

Unsere Vorfahren, die Ahnen, rumoren in der familiären Cloud (siehe Texte Nr. 3 und Nr. 4 von «szondi-impuls!» auf www.szondi.ch). Alte Schuld, verdrängte Untaten und böse Handlungen sollen gesühnt, aufgelöst, bereut und zur Wiedergutmachung gebracht werden. Dabei unterscheiden wir familiäre Schuldlasten von Schuld die wir persönlich auf uns geladen haben.

 

Die aktuelle Auswirkung dieser Schuldkomplexe zeigt sich für uns in Charakterschwächen, bösartigem und Schaden stiftendem Verhalten und psychischen Störungen. Wir leiden unter unserer Vergangenheit. Daraus entsteht ein Wiederholungszwang, den wir selbst inszenieren: «Wir produzieren es nicht als Erinnerung, sondern als Tat» (Szondi, 1963, 227). Aber wir wissen es nicht, denn Schuld ist im Unbewussten festgeschrieben.

 

Auf welchem Weg sich die eigene Vergangenheit in uns eingenistet hat ist offen:

Wenn wir an die Seelenwanderung glauben, dann ist die Seele das Trägermedium und zugleich das Wesen, das durch Untaten aller Art verletzt worden ist und wieder geheilt werden soll. Das ist die Grundlage des Konzepts einer transgenerationalen Sühne.

 

Nehmen wir als Medium die Gene an, dann gehen wir davon aus, dass die unguten Taten sich als psychische Impulse – in der Schicksalsanalyse als «Ahnenanspruch» oder Ahnenvermächtnis bezeichnet – mittels epigenetischen Speichervorgängen in den Genen eingeprägt haben.

 

Das Konzept der morphogenetischen Felder setzt die Annahme voraus, dass psychische und biologische Zustände in einem übergeordneten Funktionscode organisiert sind, der mit psychischen, biologischen und Umweltveränderungen in eine Wechselwirkung tritt und Veränderungen nach lebensfördernd oder lebensbedrohend selektioniert. Die morphogenetischen Felder sind das Medium der Veränderung.   

Klar ist, dass die Schuld aus vergangener Zeit sich wie ein Zwang über unser Leben legt. Es entwickelt sich im Menschen ein Schuldbewusstsein und ein Strafbedürfnis aber kein Wissen um die aus vergangener Zeit herrührende Schuldursache die eben Sühne verlangt und Strafe fordert.

 

Was konkret tun? Hier kommt das Positive, nämlich die Möglichkeit, aus unserer psychischen Erbmasse intuitiv die Stärken in uns zu mobilisieren, die unsere Wahl in den verschiedensten Lebenslagen und Lebenserfordernissen in die richtige Richtung steuern. Je nach dem, welche Ahnenschuld es zu tilgen gilt, wählen wir Partnerschaft, Freundschaften, Beruf, soziales Engagement und alle weiteren Aktivitäten, die Leid verhindern, Zwang vermeiden und nicht neues Unglück schafften. Dabei kann es häufig sein, dass wir Ungerechtigkeiten erdulden und im Sühnevorgang empörende Benachteiligungen in Kauf nehmen müssen. Im Beitrag Nr. 5 haben wir geschrieben: «Mobilisieren Sie das ErbGUT der Vorfahren zu Ihrer Unterstützung.» 

 

Schuldgefühle können auch sehr gefährlich werden: Das Gefühl kann unter Umständen nicht bearbeitet werden, da es beispielsweise der triebhafte Narzissmus oder Sadismus oder eine ungestillte Rachesucht nicht erlaubt. Dies führt in einem Wiederholungszwang zu Taten, die denjenigen der Vorfahren gleichen. Szondi führt in diesem Zusammenhang einen Fall an, in dem der Patient unter schweren Selbstbeschuldigungsideen und suizidalen Neigungen litt: Im Stammbaum des Patienten finden sich zwei Mörder und drei Selbstmörder (Szondi 1963, 237). Eine solche äusserst belastende familiäre Vergangenheit kann Wahnvorstellungen und Wiederholungszwang auslösen. Darunter finden sich Erbneurosen, Paranoia, Schizophrenie.

 

Tags: Gene, Schuld, Sühne, morphogenetische Felder, Seelenwanderung, Ahnenanspruch, Wahn, Wiederholungszwang, Selbstbeschuldigung, Narzissmus, Sadismus

06.05.2021

 

 

Psychologieberufegesetz

Hauruck des BAG bei den Qualitätsstandards in der Psychotherapie

 

«Die neue Akkreditierungsverordnung zum PsyG verlangt unter Qualitätsstandard 2.1.2, lit. f neu eine «Evaluation und Dokumentation des Therapieverlaufs und seiner Ergebnisse, qualitative und quantitative, wissenschaftlich validierte Instrumente der Therapieevaluation auf Patientenebene, Falldokumentation.» Im Hinblick auf die Reakkreditierung müssen die verantwortlichen Organisationen (VO) eine solche Evaluation in ihren Weiterbildungsgang einbauen, soweit sie dies nicht schon im Rahmen der erteilten Auflagen tun mussten.

 

Am 22. August 2019 schrieb Josef Jung vom Institut KJF dem BAG im Namen von 23 mitunterzeichnenden Weiterbildungsgängen einen Brief mit dem Begehren, dass ein physisches Treffen einberufen würde zur Evaluation des Akkreditierungsverfahrens, noch bevor Entscheidungen zur neuen Verordnung gefällt würden im BAG. Frau Marianne Gertsch sicherte dies für das erste Quartal 2020 zu, doch konnte diese Veranstaltung wegen COVID-19 Restriktionen nicht stattfinden. So trat nun eine Verordnung in Kraft, welche diesen umstrittenen Qualitätsstandard ohne Diskussion mit den Weiterbildungsanbietern enthält. Auf Bitte von Josef Jung übernahm es die ASP, eine Tagung zu diesem Thema zu veranstalten.»

 

Am 19. Juni 2021 soll nun eine Online-Konferenz unter den Weiterbildungsinstitutionen der Psychotherapie über diese massive Verschärfung der Akkreditierungsbedingungen für Psychotherapie und -analyse diskutieren. Doch dies dürfte l’Art pour l’Art sein, denn das BAG hat sich in Fragen des Psychologieberufegesetzes als ausserordentlich beratungsimmun gezeigt. Genauer gesagt: der Weg der gesetzlich festgeschriebenen Psychotherapieausbildung wird vom BAG immer mehr in die Gefilde der medizinisch ausgerichteten Kontrollkonzepte geführt, dazu gehören unter anderem die Kriterien der sog. Evidenzbasierten Medizin (evidence-based medicine).

 

Quelle: Mitteilung Nr. 28/2021 der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen (ASP)

Tags: Psychologieberufegesetz, evidenzbasiert, BAG, Qualitätsstandard, Akkreditierungsverordnung, Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen (ASP)

06.05.2021

 

Forschungsprojekt des Instituts für Psychologie der Universität Bern

 

Internetbasierte Interventionen

 
 
Psychische Störungen wie Depressionen und Angststörungen sind weit verbreitet und erzeugen einen hohen Leidensdruck bei Betroffenen und Angehörigen. Obwohl die psychologische und medikamentöse Therapie viele Fortschritte gemacht hat und viele psychische Störungen erfolgreich behandelt werden können, konnte die Häufigkeit psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung bisher nicht reduziert werden. Das liegt u.a. daran, dass viele Betroffene keine professionelle Hilfe suchen oder finden. Wir glauben, dass wir neben den bestehenden Versorgungsmöglichkeiten (z.B. Psychotherapie) eine Vielfalt an psychosozialen Angeboten brauchen, um die Häufigkeit psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft zu reduzieren. Zu den viel versprechensten ergänzenden Versorgungsansätzen gehören seit einigen Jahren internetvermittelte Interventionen. Diese können leicht verbreitet, von überall und relativ anonym genutzt werden, und sie haben sich in vielen Studien bereits als wirksam erwiesen.
 
Unser Ziel ist es, empirisch-fundiertes Wissen zu folgenden Fragen zu erarbeiten:
 
Welche Formen internetbasierter Interventionen sind wirksam?
 
Wer kann von (welchen) internetbasierten Interventionen profitieren?
 
Wie wirken internetbasierte Interventionen?
 
Wie können internetbasierte Interventionen mit traditionellen Ansätzen (z.B. Psychotherapie) kombiniert werden?
 
Wie und unter welchen Bedingungen sollen und können internetbasierte Ansätze in die Regelversorgung implementiert werden?

 

Testpsychologie

Szondi-Test

 

Das Handbuch zum Szondi-Test liegt. Auf 165 Seiten wird sehr übersichtlich, reichlich illustriert der Bildertest von Szondi vorgestellt. Der sog. Szondi-Test wird als projektiver oder Deutungstest im Verfahren der schicksalsanalytischen und psychoanalytischen Therapie verwendet. Die Auswertung der Testresultate ist hoch formalisiert und strukturiert.

 

Szondi-Verlag 2019, ISBN 978-3-9523516-4-2  Bezugsquelle: Buchhandel oder beim Szondi-Institut (info@szondi.ch) zum Preise von Fr. 42.--/40.-- Euro

Aktuelle Psychotherapie

Die Covid-19-Pandemie und die Psyche

 

Erkenntnisse und Implikationen für die Forschung und Praxis aus Sicht der Klinischen Psychologie und Psychotherapie.

 

«In diesem Positionspapier erfolgt eine wissenschaftlich differenzierte Betrachtung der psychologischen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf verschiedene Altersstufen sowie psychische Vulnerabilitäten und Störungsbilder, wobei auch Chancen für die psychische Gesundheit und psychotherapeutische Versorgung diskutiert werden. Basierend auf den Befunden werden abschliessend u.a. folgende gesundheitspolitische Ziele und Massnahmen abgeleitet: Implementierung von universellen und indizierten modularen Präventionsangeboten sowie Anpassung der evidenzbasierten Richtlinienpsychotherapien hinsichtlich Bedarf, Inhalt und Modalität.»

 

Quelle: Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 1/2020

Elektronischer Volltext: econtent.hogrefe.com

14.04.2021

Testpsychologie

Freiburger Persönlichkeitsinventar

 

Neunte vollständig überarbeitete Auflage mit neuer Normierung und Validitätshinweisen, Prinzipien der Testkonstruktion und moderne Assessmenttheorie.

 

«Das Freiburger Persönlichkeitsinventar ist ein weit verbreiteter Test, dessen138 Items für 10 Skalen ausgewertet wurden: Lebenszufriedenheit, Soziale Orientierung, Leistungsorientierung, Gehemmtheit, Erregbarkeit, Aggressivität, Beanspruchung, Körperliche Beschwerden, Gesundheitssorgen, Offenheit; ausserdem hinsichtlich der zwei Sekundärskalen Extraversion und Emotionalität im Sinne Eysencks.»

 

www.hogrefe.com

14.04.2021

Epigenetik

Frühes Trauma wirkt sich auf den Stoffwechsel der Nachkommen aus

 

Schlimme Erlebnisse in der Kindheit können sich nicht nur auf die Psyche auswirken, sondern verändern offenbar auch die Blutzusammensetzung der Betroffenen (…). Eine neue Studie von Forschenden* um die Neuroepigenetik-Professorin Isabelle Mansuy der Universität Zürich.

 

Quelle: psychoscope 1/21, media.uzh.ch

*Glossar: Forschende sind solche, die sich aktuell mit Forschungsarbeiten beschäftigen und nicht von Beruf Forscher sind.

Testpsychologie

Szondi-Test

 

Das Handbuch zum Szondi-Test liegt. Auf 165 Seiten wird sehr übersichtlich, reichlich illustriert der Bildertest von Szondi vorgestellt. Der sog. Szondi-Test wird als projektiver oder Deutungstest im Verfahren der schicksalsanalytischen und psychoanalytischen Therapie verwendet. Die Auswertung der Testresultate ist hoch formalisiert und strukturiert.

 

Szondi-Verlag 2019, ISBN 978-3-9523516-4-2  Bezugsquelle: Buchhandel oder beim Szondi-Institut (info@szondi.ch) zum Preise von Fr. 42.--/40.-- Euro

 

Testpsychologie

Freiburger Persönlichkeitsinventar

 

Neunte vollständig überarbeitete Auflage mit neuer Normierung und Validitätshinweisen, Prinzipien der Testkonstruktion und moderne Assessmenttheorie.

 

«Das Freiburger Persönlichkeitsinventar ist ein weit verbreiteter Test, dessen138 Items für 10 Skalen ausgewertet wurden: Lebenszufriedenheit, Soziale Orientierung, Leistungsorientierung, Gehemmtheit, Erregbarkeit, Aggressivität, Beanspruchung, Körperliche Beschwerden, Gesundheitssorgen, Offenheit; ausserdem hinsichtlich der zwei Sekundärskalen Extraversion und Emotionalität im Sinne Eysencks.»

 

www.hogrefe.com

14.04.2021