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Die Vererbung - Wundertüte mit Erlebnispotential!

 

Vererbung ist Schicksal. Vom Körperbau über das Aussehen bis zur Haar- und Hautfarbe, alles ist familiäres Erbe. Besonderheiten die man früher Rassenunterschiede nannte, sind nur spezielle Entwicklungen die in verschiedenen Hautfarben, Körpergrössen und Körperbau zum Vorschein kommen. Jeder Mensch hat in seinem Genpool eigentlich alles. Zum Ausdruck (Fachwort: Phänotyp) kommt nur, was im familiären Erbsortiment vorgesehen ist und sich die entsprechenden Gene vordrängen. Vererbt wird aber nicht nur der Bauplan des Körpers, sondern grosso modo auch das Verhalten, das beispielsweise eher aktiv, frech und dominant oder passiv, langweilig und nachgiebig sein kann.

 

Auch die Art wie man Leben bewältigt, welche Talente und Fähigkeiten vorherrschen und welche Krankheiten «bevorzugt» werden, gehören zur Vererbung. In der Schicksalsanalyse sprechen wir davon, dass Eigenschaften und Verhaltensweisen aus dem familiären Erbgut gewählt, durch Triebaktivität dem aktuellen Leben angepasst und durch individuelle Neigung und Umwelteinflüsse zum Charakter werden. Je regsamer ein Mensch ist, desto mehr Erbgüter kann er aktivieren und damit sein Leben reichhaltiger gestalten. Klar ist, dass zum Beispiel auch ein Hang zur Sucht, psychische Störungen wie Zwang, Verfolgungswahn oder extremer Narzissmus, aber auch kriminelles Verhalten und Gewalttätigkeit in erblichen Anlagen ihre Grundlage haben. Das alles muss zwar nicht aktuell das Leben bestimmen, aber es lauert im Hintergrund. Hervorbrechen kann es im dümmsten Moment, ausgelöst beispielsweise durch Krankheit, durch einen Unfall, von einem Schock oder einem entsetzlichen Erlebnis und Todesangst.

 

Schicksalhaft ist vor allem die Lebenskraft und der Lebensdrive den man mitbekommen hat. Wer viel Drive hat, gräbt tiefer in seinem Erbe, ist eher unzufrieden mit dem Standardmenu seines Erbes und schafft sich eine reichhaltigere Speisekarte: bewegt sich mehr, verändert, rebelliert und wird kreativ.

 

Und wo ist eigentlich die ganze Erbmasse? Das muss man sich so vorstellen: Alle Erbstücke und Erbteile sind in einer Familien-Cloud eingebettet. Man könnte auch Archiv sagen, aber das Erbe ist nicht in Gestellen und Kästen und Ordnern, sondern in die Cloud versorgt. Da wird seit Jahrtausenden alles was aus dem Familienleben, aus dem Clan, dem Stamm und der Gemeinschaft als erhaltenswert und lebensförderlich erfahren wurde, vernetzt und gespeichert. Natürlich ist es so, dass sich viel Antikes, Altmodisches und Unbrauchbares in dieser Cloud finden, aber auch die Manuals, Gebrauchsanleitungen und Baupläne für Körper, Geist und Psyche. Besonders wichtig: die Regeln zum Funktionieren des Triebsystems, denn ohne Triebe läuft ja gar nichts. Die Cloud einer Familie ist nie «voll» oder «gefüllt» sondern erhält aus dem Leben der Familienmitglieder neues Material und Anstösse zum Ergänzen, Ändern und Kombinieren von Cloudinhalten (siehe Fachbegriff: Epigenetik).

 

Was geschieht mit den Clouds bei der Zeugung von Kindern? Die Familien-Clouds von Mann und von Frau schieben sich ineinander. Da viele Cloudinhalte (Achtung: damit ist nicht die DNA gemeint!) der Familien viele identische Inhalte haben, erhält die Familien-Cloud auch Verdoppelungen. Aber immerhin, Neues und Ergänzungen finden sich immer so dass Familienmitglieder zwar ähnlich aber – ausser bei eineiigen Zwillingen – nie gleich sind. Daher können Nachkommen manchmal in Verhalten, Fähigkeiten und Psyche verblüffend familienfremd sein, denn – was ist geschehen? Die Sprösslinge haben im Erbgut selten gebrauchtes Material gefischt. Gene und Genkombinationen wurden aktiviert, die bislang unauffällig und inaktiv vor sich hin lebten.

 

Für die Schicksalsanalyse ergibt sich aus dem Erbkonzept, dass wir im Guten und Schlechten nur das sind, was wir im Erbe mitbekommen und – später – ausgeschöpft haben. Wichtig ist in diesem Konzept: die familiären Erfahrungen über Jahrhunderte haben im Erbgut ein Setting von Erbstücken zusammengestellt, die auf jeden Fall im Kind weitergegeben wird. Doch bleibt im Genbestand immer noch genügend Material für eigenwillige und eigenständige Entwicklung.