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Zitat aus dem Interview mit Marc Walder, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Dienste Aargau.

Interviewer: Manche würden jetzt auf die Corona-Impfgegner zeigen, die als ichbezogen und unsolidarisch gelten, weil sie andere gefährden.

Marc Walder: «Der entscheidende Punkt ist, dass sie sich nicht reinreden lassen wollen. Bei Narzissten ist das auch so. Sie können nicht annehmen, was von aussen kommt. Sie erleben es als Kränkung ihrer Autonomie und Hoheit. Deswegen lehnen sie sich dagegen auf. Dahinter stehen zum Teil diese Grössenideen, dass man es besser weiss, da können zig Experten eine andere Meinung haben.» (Quelle: SonntagsZeitung, 2.1.2022)


Unser Kommentar:

Quasi-Narzissmus ist sicher ein wesentlicher Aspekt der Selbstprofilierung. Schicksalsanalytisch spielt jedoch beim Stichwort «Kränkung» auch eine massive Akzeptationsproblematik mit. Unter den Impfverweigerern sind Menschen, die sich im Sinne eines Grundempfindens als Benachteiligte, Übergangene und Verlierer sehen. Das ist nicht Narzissmus – dafür fehlt die Aufgeblasenheit und die gekünstelte Selbstsicherheit - sondern ein Minderwertigkeitsgefühl, das mit Globalisierung, sozialen Umwälzungen in der Gesellschaft und neue Anforderungen am Arbeitsplatz halb unbewusst um sich greift. Bewusst wird, dass man unter die Räder gerät und der «Gesellschaft» das egal ist.

Unter schicksalspsychologischen Aspekten muss damit gerechnet werden, dass die Übergangenen ihren Widerstand gegen die Impfungen als Mittel der trotzigen Selbstbehauptung auch nach der Pandemie und vor der nächsten Pandemie in die Institutionen tragen. Demokratische Prozesse, Behörden, Interessenverbände und etablierte Parteien werden als Feinde angesehen.

Und wo befindet sich dabei die Psychotherapie? In einer sehr heiklen Lage: klärende psychotherapeutische Bemühungen bei Klienten und Klientinnen die Impfgegner sind und sich zugleich wegen persönlicher Probleme in einer Therapie befinden, werden als gönnerhaft von oben herab, als belehrend und gängelnd empfunden. Das ist als  Ausgangslage das No-go für eine sinnvolle psychotherapeutische Arbeit. (Pellegrino)